Machen Computer die Kinder schlau?   [28.06.2005]

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer nimmt dazu in seinem Buch „Vorsicht Bildschirm“ Stellung:

Viele Eltern sind verunsichert: Sie wollen, dass es ihre Kinder einmal besser haben. „Wir dürfen unseren Kindern nicht vorenthalten, was sie im Leben weiter bringt.“ „Wer einen PC nicht bedienen kann, ist von den Segnungen der modernen Gesellschaft ausgeschlossen – etwa wie derjenige, der nicht lesen kann.“ Dies glauben sehr viele Eltern, und auch viele Verantwortliche an Kindergärten und Schulen. Und so werden Computer gekauft, d. h. teure und zugleich kurzlebige Wirtschaftsgüter, die nach spätestens drei Jahren wenn nicht kaputt, dann wenigstens veraltet sind und damit so oder so schrottreif.
Glaubt man den Gurus von E-Learning, Edutainment, Computer-Literacy und Medienkompetenz, dann handelt es sich bei einem Computer um eine Art High-tech-Nürnberger Trichter , mit dem nun endlich – nach Jahrtausenden der Plage – das Lernen bei unseren Kindern wie von selbst gelingt. Bei Licht betrachtet sind mit den Ausdrücken computer literacy bzw. Medienkompetenz weder das Programmieren, noch Boolsche Algebra oder andere grundlegende mit Bildschirm-Medien verbundene intellektuelle Tätigkeiten gemeint, sondern zunächst einmal nichts weiter als oberflächliche Kenntnisse verbreiteter Anwendersoftware. Damit wird faktisch das Beherrschen einiger Tricks und vor allem vieler Anwendungsprobleme und Fehlerquellen von Produkten der Firma Microsoft (wie Word oder PowerPoint) in seiner Bedeutung mit dem Lesen und Schreiben – im Englischen mit „literacy“ bezeichnet – gleichgesetzt. Was die Automobilindustrie nicht geschafft hat – Führerschein als Fach im Gymnasium – hat der Software-Gigant Microsoft geschafft: Die Schwächen seiner Produkte wurden zum Schulfach .
Besonders kritisch zu betrachten ist die Tatsache, dass durch Schlagworte wie computer literacy (in den USA) oder Medienkompetenz (hierzulande) gerade den verunsicherten Eltern aus sozial eher schwachen Schichten vorgegaukelt wird, sie würden etwas Gutes tun, wenn sie ihr Geld in rasch veraltende Hard- und Software stecken. „Wenn Sie ihr Kind nicht von klein auf vor den Computer setzen, dann ist sein Schicksal als Fließbandarbeiter oder Mülltonnenleerer besiegelt“, suggeriert die Industrie – und viele Pädagogen stimmen fröhlich ein: Der Computer sei als Hilfsmittel des Lernens an modernen Schulen unverzichtbar. Und viele Eltern meinen daraufhin, sich den Computer für den Nachwuchs vom Munde absparen zu müssen. Wenn Medienkompetz so wichtig ist wie Lesekompetenz, dann muss man in Bildschirm-Medien investieren, so der im Grunde unglaublich heimtückische Gedanke .
Heimtückisch ist er, weil er gerade sozial schwache Familien zum Kauf eines Geräts verleitet – letztlich aus Angst und Sorge um die Zukunft der Kinder -, und weil damit genau das Gegenteil dessen bewirkt wird, was die besorgten Eltern für ihre Kinder wollen. Eine ganze Reihe von Studien hat gezeigt, dass Computer die Schulleistungen verschlechtern . Um es daher einmal klar zu sagen: Wer seinem Kind in körperlicher, geistiger und seelischer Hinsicht etwas Gutes tun will, der kaufe ihm keinen Computer ! Und wer in Schule oder Kindergarten Verantwortung trägt, der sorge dafür, dass finanzielle Mittel nicht für Computer ausgegeben werden, sondern für Kreide und vor allem für die Einstellung guter Lehrer und Erzieher.

(Manfred Spitzer, www.methodenkongress.de)

 

 

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